Der Erfinder des Schaltschranks: Henry William Clothier

Alles sicher verstaut, wie hier im klimafreundlichen Umspannwerk von ED Netze in Löffingen: Dass elektronische Schaltungen aus Gründen der Brandsicherheit besser in Schaltschränken untergebracht werden, das ist eine Erkenntnis, die erst in der Stromwirtschaft reifen musste. Foto: Schneider Electric GmbH
Alles sicher verstaut, wie hier im klimafreundlichen Umspannwerk von ED Netze in Löffingen: Dass elektronische Schaltungen aus Gründen der Brandsicherheit besser in Schaltschränken untergebracht werden, das ist eine Erkenntnis, die erst in der Stromwirtschaft reifen musste. Foto: Schneider Electric GmbH

Ob großes Umspannwerk oder kleiner Verteilerkasten: Heute besteht kein Zweifel, dass elektrische bzw. elektronische Komponenten in ein Gehäuse gehören, um Mensch und Material zu schützen. Auch wenn Ingenieure nach ihm „seinen“ Schaltschrank verfeinerten und salonfähig machten – dank der Ideen von Henry William Clothier ist der Netzbetrieb ein wesentliches Stück sicherer.

von Patrick Torma

Mit dem Siegeszug von Wechsel- bzw. Drehstrom nimmt die Elektrifizierung der Welt Ende des 19. Jahrhunderts an Fahrt auf. Die Nachfrage steigt, die Stromversorgung zieht komplexere Kreise, mit den Distanzen, über die der Strom transportiert wird, legt die Spannung zu. Aber auch die Unfallgefahr steigt. Ein ernstes Problem ist der Funkenschlag. Er tritt auf, wenn Schalter bei höherer Spannung umgelegt und elektrische Kontakte unterbrochen werden. Immer wieder verursachen diese sehr heißen Schaltlichtbögen Brände.

An einer Lösung tüftelt Ferranti. Das britische Elektrounternehmen entwickelt Ölschalter, die ab 1895 in Hochspannungsschaltanlagen zur Anwendung kommen. Hierbei ist der Schalter von einer mit Öl gefüllten Hülle umschlossen, treten Funken auf, werden diese vom umgebenden Öl gelöscht. Um ein halbwegs sicheres Energienetz zu betreiben, gibt es bis in die 1930er-Jahre hinein kein Vorbeikommen am „schwarzen Gold“. Doch der Einsatz von Ölschaltern birgt ein eigenes Risiko. Durch das Löschen des Lichtbogens entsteht Dampf und dadurch ein Überdruck – ist die Schalterhülle beschädigt und es strömt Gas aus, können die Folgen verheerend sein.

Brand zu Weihnachten sorgt für Umdenken

Ein folgenreicher Störfall tritt im Dezember 1903 ein: In einer Schaltanlage im englischen Bristol bricht ein Feuer aus. Im Stadtkern bleibt der Strom weg, zehntausende Menschen stehen buchstäblich im Dunkeln. Und das kurz vor Weihnachten, das Christmas Shopping und somit die allgemeine Vorfreude aufs Fest fallen flach. Da Ferranti-Komponenten in der Anlage verbaut sind, setzt das Unternehmen einen seiner Mitarbeiter auf die Brandursache an: Henry William Clothier.

Machte den Netzbetrieb sicherer: Der britische Ingenieur Henry William Clothier (1872 bis 1938). (Clothier/CC 3.0 via Wikimedia Commons)
Machte den Netzbetrieb sicherer: Der britische Ingenieur Henry William Clothier (1872 bis 1938). (Clothier/CC 3.0 via Wikimedia Commons)

Der 31-jährige Ingenieur ist seit 1894 für Ferranti tätig. Die ihm zugetragene Aufgabe ist alles andere als frei von Druck. Die Sensationspresse zürnt, und auch innerbetrieblich knirscht es. Bereits im Februar 1904 wechselt Henry Clothier den Arbeitgeber. Über einen kleineren Betrieb, der bald Insolvenz anmeldet, gelangt er 1906 zu Reyrolle & Company, einer Firma, die in den nächsten Jahrzehnten eine Schlüsselrolle bei der Produktion von Schaltanlagen einnehmen wird.

Henry Clothier stellt den ersten Schaltschrank her

Henry Clothier ist überzeugt, dass sich Unfälle wie jener in Bristol vermeiden lassen, wenn man Schaltanlagen bzw. deren Elektrik sicher in metallumkleideten Schränken verstaut. Mit Weggefährten wie Charles Merz und Bernard Price arbeitet er an Prototypen. Einen davon stellt er 1908 in der ehrwürdigen Olympia-Messehalle in London vor. Aufsehen erregt ein freches „Anti-Warnschild“: „20.000 Volt – KEINE Gefahr“ steht auf Clothiers Schaltschrank geschrieben.

Die Fachwelt zeigt Interesse – ist aber nicht restlos überzeugt. Wirtschaftliche und technische Vorbehalte, etwa hinsichtlich der seinerzeit mangelnden elektrischen Isolierung, sorgen dafür, dass sich Henry Clothier bis zu seinem Tode 1938 beharrlich für mehr Sicherheit in der Branche einsetzt, den endgültigen Durchbruch seines Schaltschrank-Konzepts jedoch nicht mehr miterlebt.

Über den Autor: Patrick Torma

(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)
(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)

Als freier Journalist und Texter spürt Patrick Torma spannenden Geschichten nach – und bringt sie für Leser auf den Punkt. Zu seinen Auftraggebern zählen Medien und Redaktionsbüros, aber auch Unternehmen, die ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Technische und historische Themen begeistern ihn besonders. Da trifft es sich gut, dass die (Strom-)Netzgeschichten im ED-Netze-Blog beides vereinen.

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