Wie zuverlässig ist das Netz? – Kennzahlen zur Versorgungssicherheit

Die beste Technik ist die, die man nie bemerkt. Beim Stromnetz ist das wörtlich gemeint: Wenn alles läuft, bleibt es unsichtbar. Dabei lässt sich diese Zuverlässigkeit beziffern. SAIDI und ASIDI – das klingt fast wie ein Zeichentrick-Duo, bezeichnet aber zwei wichtige Kennzahlen der Versorgungssicherheit. 

Von Patrick Torma

Was schaffen Sie in 11 Minuten? Einen gemütlichen Spaziergang um den Block? Eine Morgenroutine im Bad? Einen Topf Nudeln kochen? Zugegeben, letzteres ist eine geschmackliche Glaubensfrage. Fest steht: Nur unwesentlich länger dauerte 2024 der durchschnittliche Stromausfall in Deutschland  11,7 Minuten nämlich 

Deutschland hat eines der zuverlässigsten Stromnetze der Welt 

Sicher: Wer gerade dringend auf Licht, Router oder Herd angewiesen ist, dem mögen auch 11,7 Minuten wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Und klar: Es handelt sich um einen Durchschnittswert. Einzelne Stromausfälle dauern deutlich länger, andere bleiben weit darunter.  

Tatsächlich sind durchschnittlich 11,7 Minuten jedoch ein sehr guter, weil niedriger Wert. Deutschland zählt damit im europäischen Vergleich zu den Ländern mit einer besonders zuverlässigen Stromversorgung. Zu den weiteren Musterschülern gehören zudem immer wieder Finnland und die Schweiz. Auch weltweit verdient sich das deutsche Stromnetz gute „Haltungsnoten“. In einer aktuellen Branchenübersicht des VDE liegen etwa Südkorea mit 9,3 Minuten und Japan mit 10 Minuten vor Deutschland, während die USA auf einen Wert von deutlich über zwei Stunden kommen.  

11,7 Minuten sind also ein Wert, der für eine ziemlich zuverlässige Stromversorgung steht. Fachleute sprechen vom SAIDI, ausgeschrieben: System Average Interruption Duration Index. Übersetzt heißt das zunächst ganz allgemein: Die durchschnittliche Dauer von Unterbrechungen in einem System. Wir beziehen uns in diesem Beitrag immer auf Störungen im Stromnetz. Das Konzept wird aber auch in anderen Netzinfrastrukturen genutzt. So gibt es einen SAIDI-Wert fürs Gasnetz. 

SAIDI EnWG: Versorgungssicherheit im bundesweiten Durchschnitt 

Dieser SAIDI-Wert fällt nicht vom Himmel, sondern wird in Deutschland von der Bundesnetzagentur aus vielen Einzelmeldungen zusammengesetzt und veröffentlicht. Denn sämtliche Betreiber von Energieversorgungsnetzen müssen Versorgungsunterbrechungen nach § 52 EnWG jährlich melden. Aus diesen Daten entsteht ein bundesweiter Durchschnittswert: der SAIDI EnWG.  

Konkret 2024 waren es 830 Netzbetreiber, die Unterbrechungen in Nieder- und Mittelspannung übermittelt haben. Diese beiden Spannungsebenen werden unterschiedlich erfasst. In der Niederspannung, also im klassischen Ortsnetz vor unserer Haustür, gilt das SAIDI-Prinzip. Maßgeblich ist die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung je angeschlossenem Letztverbraucher. Vereinfacht gesagt wird also errechnet, wie viele Ausfallminuten im Jahresmittel auf einen Stromkunden entfallen. 

Unterschiede im Bemessungsmaßstab zwischen SAIDI und ASIDI

Für die Mittelspannung wird statt SAIDI der ASIDI verwendet, kurz für Average System Interruption Duration Index. Durch diesen Buchstabendreher verschiebt sich der Bemessungsmaßstab. Die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung wird nicht mehr kunden-, sondern leistungsbezogen ermittelt, präziser: der ASIDI markiert die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung je angeschlossener BemessungsscheinleistungAm Ende der Rechnung kommt aber weiterhin ein – hoffentlich niedriger – Zeitwert heraus. 

Die Idee dahinter: An die Mittelspannung sind zahlenmäßig weniger, aber oft leistungsstarke Abnehmer aus Industrie und Gewerbe angeschlossen. Unterbrechungen mit hoher betroffener Leistung fallen deshalb im ASIDI stärker ins Gewicht. Eine einzelne schwere Störung kann den ASIDI-Jahreswert deutlich anheben. Derselbe Störfall in einer SAIDI-Betrachtung würde auf viele einzelne Anschlüsse verteilt. Sein Effekt würde dadurch statistisch stärker verdünnt. 

Wem das nun zu kleinteilig war, der kann den ASIDI wieder beiseiteschieben. Die Bundesnetzagentur macht es nämlich ähnlich pragmatisch. Sie fasst die von den Netzbetreibern gemeldeten Kennzahlen aus Nieder- und Mittelspannung zum bundesweiten SAIDI EnWG zusammen.  

Welche Stromausfälle in den SAIDI EnWG einfließen 

In diesen Zahlen berücksichtigt werden „ungeplante“ Unterbrechungen, die nicht auf höhere Gewalt wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge zurückzuführen sind. Der Blitz schlägt ein, ein Marder knabbert ein Kabel an, ein Bagger beschädigt eine Leitung, Betriebsmittel machen altersbedingt schlapp, eine Störung in einem vor- oder nachgelagerten Netz wirkt zurück – das sind nur einige denkbare Szenarien.  

Voraussetzung ist außerdem, dass der Strom länger als drei Minuten ausfällt. Kürzere Ausfälle bleiben in dieser Statistik außen vor. Wer Fehler schnell behebt, kommt demnach beim SAIDI besser weg.  

Ebenso wenig berücksichtigt werden geplante Unterbrechungen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Netzbetreiber den Strom für Bau- oder Wartungsarbeiten gezielt abstellt; denn das sagt ja wenig über die grundsätzliche Versorgungssicherheit aus.  

Was der SAIDI EnWG über den Netzbetrieb aussagt – und was nicht 

Langfristig gesehen ist der deutsche SAIDI rückläufig. Vor zwanzig Jahren lag der Wert noch bei knapp über 20 Minuten. Seit 2014 hat sich der Wert in einer Spanne von 11 bis 13 Minuten eingependelt, mit Ausnahme der Ausreißerjahre 2017 (15,1 Minuten) und 2020 (10,7 Minuten). Das deutsche Netz erweist sich also als robust. Damit spricht der SAIDI gegen die oft geäußerte These, der wachsende Anteil von Solar- und Windkraft habe die Stromversorgung in Deutschland grundsätzlich unzuverlässiger gemacht. 

Ohnehin lassen sich keine pauschalen Rückschlüsse zwischen dem SAIDI-Wert und dem Anteil erneuerbarer Energien (EE) in einem Land herstellen. Länder mit niedrigeren EE-Anteilen weisen zum Teil deutlich schlechtere SAIDI-Werte als Deutschland auf. Umgekehrt schneiden auch Länder mit sehr „grünen“ Stromsystemen nicht automatisch besser ab. An dieser Stelle muss man jedoch ebenso klar sagen: Unterschiede im SAIDI ergeben sich auch dadurch, dass Länder ihre Unterbrechungen anders zählen. Vergleiche eins zu eins sind nicht immer belastbar. 

Am Ende des Tages ist der SAIDI ein wichtiger Messwert, der Zuverlässigkeit transparent macht und auch Trends erkennen lässt. Wer genauer verstehen will, wie gut ein Stromsystem funktioniert, muss jedoch unter die Haube blicken. In Deutschland zumindest spricht einiges dafür, dass die Netzbetreiber ihre Netze insgesamt ganz gut im Griff haben. Zur Wahrheit gehört aber auch: Ein Selbstläufer ist das nicht. Gerade vor dem Hintergrund der Energiewende entstehen neue Anforderungen an Netzbetrieb und Systemstabilität. 

Bonus: Fünf „Hacks“, mit denen Netzbetreiber Versorgungssicherheit wahren.  

Versorgungssicherheit ist kein Zufall. Netzbetreiber wie naturenergie netze tun eine ganze Menge dafür. Ein kurzer Blick in den Maßnahmenkatalog:  

„Natürlicher“ Aufbau der Netze: Stromnetze sind an vielen Stellen auf Redundanz ausgelegt. Das Prinzip kennen Sie vielleicht von der Reisevorbereitung: Man packt lieber eine Hose zu viel als eine zu wenig ein. Auf das Netz übertragen heißt das: Fällt eine Leitung oder ein Umspannwerk aus, können andere Betriebsmittel einspringen. Hinzu kommen automatische Schutzsysteme. Abschaltungen verhindern, dass ein Fehler zu einem Ausfall eines kompletten Systems führt. 

Netzführung in Echtzeit: Netzbetreiber haben den Pulsschlag ihrer Stromnetze ständig im Blick – sämtliche Daten laufen in der Leitwarte zusammen. Bei Auffälligkeiten können sie Lasten umschalten, Störungen eingrenzen oder gezielt gegensteuern, bevor Schlimmeres passiert.  

Wie das im Detail aussieht, zeigt dieser Beitrag mit einem Blick in die Verbundleitstelle von naturenergie netze. Manchmal lässt sich eine Störung nicht abfangen. Für solche Fälle gibt es die Notfallbereitschaft. 

Werkzeuge der Regulierung: Hand in Hand mit der technischen Netzführung gehen Möglichkeiten der Regulierung, zu denen der Gesetzgeber die Netzbetreiber zuletzt mehr und mehr in die Pflicht genommen hat. So sind gerade die regionalen und lokalen Verteilnetzbetreiber stärker in den sogenannten Redispatch eingebunden. Vereinfacht gesagt heißt das, sie können Maßnahmen anstoßen, um das Netz bei drohenden Engpässen zu entlasten.  

Digitalisierung des Netzes: Der Netzbetrieb wird in den kommenden Jahren noch digitaler. Schon heute liefern moderne Ortsnetzstationen Live-Daten. Smart Meter sollen helfen, Lastflüsse nicht nur präzise zu messen, sondern auch zuverlässigere Prognosen für die Zukunft zu ermöglichen. Die langfristige Vision ist ein intelligentes Netz, das helfen soll, Strom flexibler und effizienter zu verteilen.  

Langfristige Zielnetzplanung: Sozusagen die Königsdisziplin, gilt es doch, alle vorherigen (und weitere) Maßnahmen in ein großes, strategisches Ganzes einzubetten. Beim Netzbetrieb kommt es immer stärker darauf an, vorausschauend auszubauen statt zu reagieren – mit Investitionen über Jahrzehnte hinweg.  

 

Über den Autor: Patrick Torma

(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)
(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)

Als freier Journalist und Texter spürt Patrick Torma spannenden Geschichten nach – und bringt sie für Leser auf den Punkt. Zu seinen Auftraggebern zählen Medien und Redaktionsbüros, aber auch Unternehmen, die ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Technische und historische Themen begeistern ihn besonders. Da trifft es sich gut, dass die (Strom-)Netzgeschichten im naturenergie netze Blog beides vereinen.

 

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