Alle Vitalzeichen des Stromnetzes im Blick: Die Verbundleitstelle in Rheinfelden

Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr: Die Verbundleitstelle in Rheinfelden wacht über Teile des Stromnetzes.

Unser Stromnetz pulsiert einheitlich im Takt von 50 Hertz. Schon kleine Stolperer können die Netzstabilität ins Wanken bringen. Läuft es besonders ungünstig, fällt der Strom aus. Deshalb kommt es im Ernstfall auf schnelle Reaktionen an. Im Versorgungsgebiet von naturenergie netze ist dafür die Verbundleitstelle in Rheinfelden rund um die Uhr auf Draht. 

Von Patrick Torma

Wenn die Netzfrequenz der Pulsschlag des Stromnetzes ist, dann liest die Verbundleitstelle in Rheinfelden gewissermaßen das EKG. Messdaten, Zustände und Lastflüsse, in der „Warte“ laufen die Vitalzeichen aus dem gesamten Netzgebiet des Verteilnetzbetreibers zusammen.  

Dieses Netzgebiet umfasst mehr als 3.770 Quadratkilometer, durchzogen von 13.120 Kilometern Leitungen – über Luftlinie „gespannt“ reichte das fast von Südbaden bis an die südlichste Spitze Argentiniens. Über dieses Geflecht an Kabeln und Freileitungen beziehen 300.000 Endkunden ihren Strom. Umgekehrt speisen an mehr als 25.000 Punkten dezentrale Erzeuger wie PV-Anlagen, Blockheizkraftwerke oder Windräder Strom ein. 1.200 digitale Netzansichten zeigen die Lage in Echtzeit.  

Immer richtig verbunden – in der Verbundleitstelle 

Der Name ist Programm: Eine Verbundleitstelle bündelt mehrere Infrastrukturen unter einem Dach. Neben dem Stromnetz übernimmt naturenergie netze auch Dienstleistungen für Wasser, Gas und Fernwärme. Entsprechend ist Rheinfelden zentrale Anlaufstelle für Störungsmeldungen in verbundenen Netzen. Das sorgt für kurze Wege, eingespielte Abläufe und schnelle Hilfe. 

Weil Stromausfälle keinen Feierabend kennen … 

8 Mitarbeitende im Schichtrhytmus behalten alle wichtigen Werte im Blick – rund um die Uhr, an jedem Tag des Jahres. Denn Stromausfälle kündigen sich selten an (auf geplante Ausnahmen kommen wir gleich noch). Sie scheren sich nicht darum, ob gerade Wochenende ist oder Weihnachtsabend. Auslöser gibt es viele: Das kann eine Baggerschaufel sein, die bei Bauarbeiten danebengreift und aus Versehen ein Erdkabel beschädigt. Oder ein Baum, der bei einem Sturm auf eine Freileitung stürzt.  

Was genau passiert ist, sehen die Mitarbeitenden auf ihren Monitoren in der Verbundleitstelle nicht. Sehr wohl aber, dass in einem bestimmten Bereich des Netzes etwas nicht in Ordnung ist. Das System meldet eine Auffälligkeit, ein Signal ertönt. Häufig klingelt auch das Telefon. Dann geben betroffene Anwohner einen entscheidenden Tipp. In der Leitstelle laufen die Anrufe der 24-Stunden-Störungsnummer zusammen. 

Von der Kontrollstation zur Schaltzentrale 

In solchen Momenten wird die Verbundleitstelle zur Schaltzentrale. Die Schalttechniker im Dienst isolieren den Fehlerbereich, schalten betroffene Netzabschnitte ab und leiten Stromflüsse um. So merken die Menschen im betroffenen Gebiet womöglich nicht mehr als ein kurzes Flimmern.  

Tritt der Defekt jedoch an einer zentralen Stelle auf, schalten sich Anlagen automatisch ab. Damit schützen sie wiederum benachbarte Anlagen vor Schäden, die durch plötzliche Über- oder Unterspannung verursacht werden. Dann kann der Strom in ganzen Straßenzügen oder Ortschaften ausfallen. So geschehen am 22. Februar 2026 in einem Umspannwerk in der Region Schwarzwald-Baar.   

Schnelle Fehlerfindung dank moderner Technik  

Die gute Nachricht: Die Fehlersuche beginnt gleich mit der Störungsmeldung. Dank moderner Sensorik bleiben Störquellen nicht lange verborgen. Das hilft den Kollegen in der Leitstelle, die Betriebsmonteure vor Ort gezielt zu koordinieren; die wiederum reparieren den Schaden so schnell wie möglich.  

Gut zu wissen: Störungen im Netzgebiet von naturenergie netze können Sie rund um die Uhr unter 0800 92-18180 melden. Ob gerade eine bekannte Stromunterbrechung vorliegt, lässt sich auch online prüfen – im Netzgebiet der naturenergie netze und auch bundesweit. 

Denn eine zuverlässige Stromversorgung zu sichern, ist die oberste Pflicht eines Netzbetreibers. „Alle in der Verbundleitstelle wissen sofort, was zu tun ist“, betont Thomas Schneider, Teamleiter Netzleitstelle. Das Handbuch hervorzuholen und Abläufe noch einmal in aller Ruhe nachzuschlagen, das ist im Fall eines Ausfalls zeitlich nicht drin. Umso wichtiger ist eine gründliche Einarbeitung: Bis neue Mitarbeitende eigenverantwortlich eine Schicht „fahren“, vergehen bis zu anderthalb Jahre. 

Mehr Aufgaben, mehr Verantwortung 

Die Verbundleitstelle ist jedoch mehr als eine netztechnische Feuerwehr. Sie spielt auch bei Instandhaltung und Ausbau des Netzes eine wichtige Rolle. Von Rheinfelden aus werden geplante Versorgungsunterbrechungen koordiniert. Das sind die Stromausfälle, die sich ankündigen. Denn wenn an Leitungen oder Anlagen gearbeitet wird, darf der Strom aus Sicherheitsgründen nicht fließen. Für die Dauer der Arbeiten wird er abgestellt. Sind Versorgungsunterbrechungen unvermeidlich, informiert naturenergie netze die betroffenen Haushalte vorab.   

Dass das Stromnetz ertüchtigt werden muss, kommt immer häufiger vor. Die Energiewende macht diese Upgrades erforderlich: Mehr Verbraucher, keine Einbahnstraße auf der Nieder- und Mittelspannungsebene durch dezentrale Erzeugung, stärker schwankende Energieflüsse – das alles fordert die bestehende Infrastruktur heraus.  

Hinzu kommt, dass ein steigender Stromverbrauch absehbar ist: In vielen Bereichen, in denen Deutschland langfristig von fossilen Energieträgern wegkommen möchte, soll Strom eine noch wichtigere Rolle spielen. Elektroautos, Wärmepumpen, grüne Wasserstoffproduktion gelten als prominenteste Treiber dieser Entwicklung. 

Neue Pflichten durch den Gesetzgeber … 

Für die Verbundleitstelle bedeutet das: mehr Koordination, mehr Komplexität, mehr Verantwortung. War früher vor allem die klassische Überwachung gefragt, greifen Verteilnetzbetreiber heute aktiv in den Netzbetrieb ein. Das ist gesetzlich nicht nur erlaubt, sondern gefordert. Ein Stichwort ist der Redispatch 2.0: Seit Oktober 2021 können Verteilnetzbetreiber Erzeugungsanlagen ab 100 Kilowatt gezielt zuschalten oder abregeln, um Engpässe im Stromnetz zu vermeiden. 

Seit 2024 geht das sogenannte Engpassmanagement noch einen Schritt weiter: Verteilnetzbetreiber dürfen den Strombezug von Wärmepumpen, Wallboxen oder Batteriespeicher zeitweise dimmen. Wichtig dabei: Das betrifft nur neue „steuerbare Verbrauchseinrichtungen“. Diese werden auch nicht komplett abgeschaltet. Der Strom fließt weiter, auf eine gesetzliche Mindestleistung gedrosselt. PC, Licht und Waschmaschine bleiben unangetastet. 

… erfordern ständige Anpassungen an die Sicherheit 

Moderne, digitale Technik ist dafür die Voraussetzung. Um den gesetzlichen Pflichten als Betreiber kritischer Infrastruktur (KRITIS) gerecht zu werden, hat naturenergie netze die Verbundleitstelle in den vergangenen Jahren systematisch ausgebaut. Abgeschlossen ist dieser Prozess nie: Die Anforderungen steigen, und die Bedrohungen – ob technischer Natur oder durch Cyberangriffe – wandeln sich laufend. naturenergie netze hat dafür klare Protokolle etabliert, die den Betrieb auch in Krisensituationen sicherstellen. 

Ein wichtiger Baustein ist die Notleitstelle in Donaueschingen. Sie dient der Verbundleitstelle als räumlich getrenntes Backup – falls Rheinfelden ausfällt, kann Donaueschingen übernehmen. Diese Aufgabe erfüllt der Standort zwar schon seit Jahren, doch im Sommer 2025 wurde die Notleitstelle technisch umfassend modernisiert und auf doppelte Ausfallsicherheit ausgelegt. „Mit der neuen Notleitstelle stellen wir die Versorgungssicherheit in Südbaden auf eine noch stabilere Basis“, sagt Thomas Schneider. 

Diese Stabilität lässt sich beobachten, wenn man hinter die Kulissen blickt. Trotz der Vielzahl an Monitoren, Grafiken und Messdaten wirkt die Leitstelle auf den ersten Blick fast unscheinbar. Die Menschen vor den Bildschirmen zeichnet eine konzentrierte Ruhe aus. Hier ein Mausklick, dort ein Telefonat – es sind kleine Handgriffe, die große Wirkung entfalten können. Wir zu Hause bekommen davon meist nichts mit. Gerade dann muss man sagen: Alles richtig gemacht.  

 

Über den Autor: Patrick Torma

(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)
(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)

Als freier Journalist und Texter spürt Patrick Torma spannenden Geschichten nach – und bringt sie für Leser auf den Punkt. Zu seinen Auftraggebern zählen Medien und Redaktionsbüros, aber auch Unternehmen, die ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Technische und historische Themen begeistern ihn besonders. Da trifft es sich gut, dass die (Strom-)Netzgeschichten im naturenergie netze Blog beides vereinen.

 

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