Stromtrassen ziehen sich durch Wald und Flur – das liegt in der Natur eines Stromnetzes, denn nur so erreicht die Energie den ländlichen Raum. Freileitungen halten luftigen Abstand, doch die Vegetation rückt nach. Damit Technik und Natur im Einklang stehen, setzen Netzbetreiber wie naturenergie netze auf regelmäßige Trassenpflege. Was genau dahintersteckt, erläutert Netzbetriebsmonteur Rainer Hennch-Schnurr im Interview.
Von Patrick Torma
Rainer Hennch-Schnurr hat einen hochspannenden Job. Schließlich kümmert sich der Netzbetriebsmonteur um einen Teil der Hochspannungsanlagen des südbadischen Verteilnetzbetreibers naturenergie netze.
Sein Einsatzgebiet, das Ostgebiet von naturenergie netze, reicht vom südöstlichen Rand bei Radolfzell am Bodensee bis nach Albbruck im Westen. Von dort aus erstreckt es sich nach Norden bis in den Hochschwarzwald rund um Feldberg und weiter bis nach Obereschach im Nordosten. Die weitläufige Infrastruktur, die Rainer Hennch-Schnurr betreut, umfasst Umspannwerke, Schaltanlagen und einen Teil des 560 Kilometer langes 110-kV-Freileitungsnetzes.
Wie das Stromnetz allgemein aufgebaut ist, erfahren Sie übrigens in diesem Beitrag.
Zwischen diesen Anlagen liegt jede Menge Natur: ein Mosaik aus Wäldern, Wiesen, Böschungen und Hanglagen. Lebensräume, die sich ohne regelmäßige Pflege in Richtung der Leitungen ausbreiten würden. Genau dort beginnt ein wichtiger Teil seiner Arbeit, der weniger nach Technik klingt, aber für die Versorgungssicherheit entscheidend ist: die Trassenpflege.
Herr Hennch-Schnurr, jüngst wurden im Raum Löffingen und Rötenbach entlang der Hochspannungsleitungen Bäume gefällt und Büsche gerodet – im Auftrag von naturenergie netze. Warum veranlasst ein Verteilnetzbetreiber solche Arbeiten?
Viele unserer Freileitungen verlaufen durch die Natur – und die wächst natürlich nach. Wir behalten die Natur dabei im Auge. Würden Sträucher und Bäume unkontrolliert in die Höhe schießen, könnten sie die Leitungen gefährden.
Um das zu verhindern, führen wir mithilfe von Fachfirmen regelmäßige Pflege- und Rückschnittmaßnahmen durch. Diese Maßnahmen fallen unter den Begriff der ‚Trassenpflege‘ und haben einen doppelten Nutzen: Einerseits sichern sie die Stromversorgung, andererseits erhalten sie wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
Das müssen Sie genauer erklären. Der Reihe nach: Was kann denn passieren, wenn sich Natur und Leitungen ins Gehege kommen?
Wenn ein Ast das Leiterseil berührt, kommt es sofort zu einem Erdschluss. Der Strom fließt ungewollt in den Boden ab. Im Mittel- und Hochspannungsbereich entsteht dabei ein Lichtbogen, der für sich genommen schon gefährlich sein kann. Der Baum verbrennt an dieser Stelle, und durch die dabei entstehende Hitze könnten auch das Leiterseil Schaden nehmen. Das kann sich regelrecht „hineinfressen“ und die Einzeldrähte wie einen Faserstrang aufdrehen. Die Folge: Die Versorgung wird unterbrochen, im schlimmsten Fall fällt irgendwo der Strom aus.
Ein solcher Kontakt entsteht im Übrigen nicht nur durch hohen Wuchs. Auch umstürzende Bäume können Leitungen treffen – etwa, wenn ein Baum am Waldrand durch Sturm oder mangelnde Stabilität umfällt.
Nun wachsen Bäume nicht plötzlich über Nacht unter oder neben einer Stromleitung. Wie schnell wird ein ‚Zusammenstoß‘ zwischen Technik und Natur überhaupt wahrscheinlich?
Das stimmt, der Handlungsbedarf ergibt sich nicht von heute auf morgen. Wie schnell es kritisch wird, hängt von der Höhe der Leitungen sowie der Wuchsgeschwindigkeit, aber auch den natürlichen Wuchsgrenzen der Gehölze vor Ort ab. Im Bereich der Hochspannung sind wir ganz schnell 20 oder mehr Meter über dem Boden. Birken, Eichen oder Pappeln erreichen Höhen, die diesen Leitungen gefährlich nahekommen können, doch das dauert Jahrzehnte.
Bei Freileitungen in der Niederspannung hingegen bewegen wir uns in einer Höhe von nur bis zu zehn Metern. Außerdem müssen wir saisonale Effekte berücksichtigen: Bei Wärme dehnen sich Leiterseile aus und hängen tiefer. Haselnuss oder Weide wachsen bei idealem Wetter schneller, als viele vermuten. Entsprechend schnell kann der Sicherheitsabstand schrumpfen.
Da hilft nur eines, nehme ich an: rausfahren und kontrollieren?
Ja, ich bin das Jahr über mit der Checkliste unterwegs. Jede Leitung wird mindestens einmal im Jahr begangen – ganz grundsätzlich, um den Zustand der Leitungen, aber auch der übrigen Infrastruktur wie Masten, Isolatoren oder Fundamente zu kontrollieren. Dabei kann ich auch beobachten, wie stark die Vegetation vor Ort innerhalb eines Jahres zugelegt hat.
Wie entscheiden Sie, was gemacht werden muss?
Das ist immer von der jeweiligen Situation abhängig. Zum einen kommt es auf die Vegetation, die Topografie und die vorhandenen Sicherheitsabstände an. Zum anderen macht es einen Unterschied, ob ich unter meiner Leitung eine Wirtschaftsfläche oder ein Biotop vorfinde. Da kommt es dann auf die enge Abstimmung mit dem Eigentümer und/oder den Naturschutzbehörden an.
So wie bei den Arbeiten bei Rötenbach, die in einem gesetzlich geschützten Biotop stattfanden. Sie haben vom doppelten Nutzen auch für die Natur gesprochen. Wie passen Rodungen und der Erhalt von Lebensräumen zusammen?
Die Fläche bei Rötenbach ist als Heide- und Magerrasenfläche ausgewiesen und damit eine Heimat für zahlreiche Tierarten: Haselmäuse, Heuschrecken oder verschiedene Wildbienen, um nur einige zu nennen. Durch den Eintrag von Samen haben jedoch Gehölze Wurzeln geschlagen, die mit der ursprünglichen Vegetation nichts zu tun haben. Ohne Eingriffe würde die Fläche komplett verbuschen und die vorher heimische Natur zunehmend verdrängt werden.
Die Tiere müssten sich einen neuen Lebensraum suchen. Lichtliebende, bodennahe Pflanzen könnten nicht mehr so gut gedeihen – wiederum mit Folgen für Wildtiere, die zum Fressen herkommen. Die ökologische Vielfalt in der Region ginge verloren. Und mit ihr der Charakter der Heide- und Magerrasenfläche, den es ja zu schützen gilt.
Wie oft müssen Sie im Jahr aktiv werden, um die Trassen freizuhalten?
Um eine Größenordnung für ‚meine‘ 110-kV-Freileitungen zu nennen: 2025 hatte ich auf rund 280 Kilometern etwa 100 Stellen, an denen wir mehr oder weniger viel machen mussten.
Solche großen Trassenausholzungen mit schwerem Gerät, wie wir sie zuletzt in Löffingen oder bei Rötenbach durchgeführt haben, sind jedoch die Ausnahme. Grundsätzlich halten wir jeden Eingriff so gering wie möglich. In der Regel sind es kleinere Maßnahmen: Ein Baum hier, ein Gebüsch dort.
Für die Kollegen im Bereich Nieder- und Mittelspannung ergeben sich deutlich höhere Zahlen. Dort kann es auch der eineinhalb Meter lange Austrieb aus dem Vorjahr sein, den man mit der Astschere abnimmt.
Also heißt Trassenpflege heute nicht mehr nur: Abstand zu den Leitungen sichern. Auch der Naturschutz spielt eine immer größere Rolle, richtig?
Für unser eigenes Netzgebiet unterschreibe ich das auf jeden Fall. Wo es geht, sind wir, die naturenergie netze, so ökologisch und naturbelassend wie möglich unterwegs.
Doch auch insgesamt hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Das sieht man daran, dass sich sowohl die Übertragungsnetzbetreiber als auch viele Verteilnetzbetreiber heute am Prinzip des ökologischen Trassenmanagements orientieren. Ich bin mir sicher: Das wird weiter an Bedeutung gewinnen, weil das Umweltbewusstsein bei allen Beteiligten wächst.
Wie ist das bei Ihnen persönlich – zieht es Sie gern nach draußen?
Ja, ich bin sehr gerne im Freien, privat wie beruflich. Klar, einiges an Organisation passiert im Büro. Aber für die Kontrolle bin ich viele Wochen im Jahr zu Fuß und oder mit dem Auto an den Leitungen unterwegs. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich eher an den Freileitungen orientiere als an Wanderwegen oder Straßen (lacht). Und ja, es gibt Tage, da stecke ich bis zu den Knien im Schlamm. Aber wenn wir so ein Wetter haben wie zuletzt – Sonne, blauer Himmel, leichter Frost und Fernsicht bis zu den Alpen –, dann macht mir die Arbeit richtig Spaß.
Rechte und Pflichten der Trassenpflege
Im Grundsatz ergibt sich die Pflicht zur Trassenpflege aus dem Energiewirtschaftsgesetz. Netzbetreiber sind verpflichtet, den sicheren und zugleich umweltverträglichen Betrieb des Stromnetzes zu gewährleisten. Wachsen Bäume oder andere Gehölze in den Luftraum der Leitungen hinein, kann das die Stromversorgung gefährden.
Viele Trassen verlaufen über Privatgrund. Damit Netzbetreiber dort Pflegearbeiten durchführen dürfen, werden mit den Eigentümerinnen und Eigentümern sogenannte Dienstbarkeiten vereinbart, die im Grundbuch eingetragen werden. Dienstbarkeiten können beispielsweise festlegen, welche Nutzungen unter der Leitung zulässig sind. Typisch ist etwa, dass man unter der Leitung nicht ohne vorherige Genehmigung bauen oder keine hochwachsenden Gehölze anpflanzen darf. Darüber hinaus stimmen Netzbetreiber notwendige Maßnahmen mit den Eigentümerinnen und Eigentümern ab.
Manchmal wird’s herausfordernd: „Hin und wieder muss ich Detektivarbeit leisten, um herauszufinden, wem das Grundstück gehört“, gibt Rainer Hennch-Schnurr einen Einblick. Umgekehrt kommt es vor, dass Menschen gar nicht wissen, dass ihnen ein Grundstück gehört – etwa nach einer Erbschaft. Für Fragen und Anliegen rund um die Trassenpflege stehen die Stützpunkte von naturenergie netze zur Verfügung.
Über den Autor: Patrick Torma

Als freier Journalist und Texter spürt Patrick Torma spannenden Geschichten nach – und bringt sie für Leser auf den Punkt. Zu seinen Auftraggebern zählen Medien und Redaktionsbüros, aber auch Unternehmen, die ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Technische und historische Themen begeistern ihn besonders. Da trifft es sich gut, dass die (Strom-)Netzgeschichten im naturenergie netze Blog beides vereinen.
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